Berlin’s Friedhöfe – Buntes Treiben


Wintertag auf dem St. Marien- und St. Nicolai-Friedhof in Berlin © meine-kleine-stadtnatur.de

Wintertag auf dem St. Marien- und St. Nicolai-Friedhof

Kohlmeise (Parus major) mit Kern einer Sonnenblume © meine-kleine-stadtnatur.de

Kohlmeise mit Sonnenblumenkern

In Berlin gibt es insgesamt ca. 220 Fried- und Kirchhöfe. Aufgrund ihrer weit zurückliegenden Entstehungsgeschichte sind diese größtenteils durch einen strukturreichen Gehölzbestand gekennzeichnet. Neben unterschiedlichen Baum- und Straucharten, finden sich Rasen- und Grünflächen, viele blühende Stauden, Saumpflanzen, Wildkräuter, alte Zierpflanzen sowie etliche Flechtenarten.

Die auf Friedhöfen vorkommenden Pflanzenbestände sind größtenteils hohen Alters und bieten mit ihren Hohlräumen Brutbehausungen für verschiedene Vogelarten. Zu den Höhlenbrütern zählen zum Beispiel Blaumeise (Paru caeruleus), Star (Sturnus vulgaris), Kleiber (Sitta europaea), Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla), Buntspecht (Dendrocopos major) und Steinkauz (Athene noctua).

Der insgesamt hohe und dichte Bestand an Altbäumen und Sträuchern bietet nicht nur Höhlenbrütern ideale Nistbedingungen, sondern ist auch für Nest bauende Vogelarten optimal. Zu den auf Friedhöfen oft vorkommenden Brutvögeln mit freien Nestern zählen beispielsweise Amsel (Turdus merula), Kohlmeise (Parus major), Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla), Eichelhäher (Garrulus glandarius), Nebelkrähe (Corvus corone cornix) und Sperber (Accipiter nisus).

Aufgrund ihrer emotional bedingten Funktion haben sich Friedhöfe in den letzten Jahrzehnten bzw. teilweise Jahrhunderten zu grünen naturrnahen Inseln innerhalb der Stadt entwickelt. Das Brachfallen und Verwildern einzelner Friedhöfe oder Friedhofsteile hat dazu beigetragen, dass sich die Natur immer größere Stücke zurückeroberte. Nicht nur viele Vogelarten wissen diese Rückzugsräume zu schätzen. Auch finden sich auf Friedhofsarealen etliche Insektenarten. Zu den am häufigsten vorkommenden zählen viele Laufkäferarten, holzbewohnende Käferarten, Schmetterlinge, Spinnen und Honiginsekten. Auch Fledermäuse wissen diese Gebiete als Jagdreviere zu schätzen.

Amsel (Turdus merula) bei der Nahrungsaufnahme im Schnee © meine-kleine-stadtnatur.de

Amsel bei der Nahrungsaufnahme im Schnee

Selbst für größere Jäger bieten Friedhöfe ideale Lebensgrundlagen. Aufgrund der vielen NIschen und Versteckmöglichkeiten hat sich fast überall der Rotfuchs (Vulpes vulpes) angesiedelt. Die dämmerungs- und nachtaktiven Tiere bleiben dem menschlichen Auge größtenteils unentdeckt. Sie versuchen geschickt Begegnungen mit dem Menschen zu vermeiden und bewegen sich wie Phantome. Auf ihren Streifzügen verlassen sie nachts ihr Friedhofsrevier. Achtlos weggeworfene Essensreste, überfahrenes Aas, Ratten und Mäuse, aber auch lecker süße Beeren an Sträuchern heimischer Gärten zählen zu ihrer Nahrung. Damit es beim relativ engen Zusammenleben zwischen Fuchs und Mensch keinen Anlass zur Sorge gibt, beschäftigen sich mehrere Forschungsprojekte in Berlin mit dem Gesundheitszustand der Tiere. Dies soll ausschließen, dass die Füchse Krankheiten übertragen. Wer mehr zum Fuchs in Berlin wissen oder sich gar am Projekt beteiligen möchte, findet hier weiterführende Informationen: „Füchse in der Stadt“.

Schlafender Rotfuchs (Vulpes vulpes) versteckt hinter Efeu und Gewächsen auf historischen Grabtafeln © meine-kleine-stadtnatur.de

Schlafender Rotfuchs (Vulpes vulpes) versteckt hinter Efeu und Gewächsen auf historischen Grabtafeln © meine-kleine-stadtnatur.de

Weitere Vertreter der heimlichen Friedhofsbewohner, die den Altbaumbestand und das Nahrungsangebot an kleinen Wirbeltieren schätzen sind Eulen und Kauze. Ihr nächtliches Rufen trug schon früh zu Schauermärchen und der Angst des Menschen vor dem Gruselort Friedhof bei. Sie wurden gar als todbringende Unglücksvögel oder Verbündete des Teufels bezeichnet. Dabei sind die nachtaktiven Jäger für den Menschen völlig harmlos, nur die wenigsten haben in ihrem Leben eine Eule oder einen Kauz zu Gesicht bekommen. Die Vögel sind sehr scheu und störanfällig. Aus der Gesellschaft des Mnschen machen sie sich nichts.

Nebelkrähe (Corvus corone corvix) auf Futtersuche © meine-kleine-stadtnatur.de

Nebelkrähe auf Futtersuche © meine-kleine-stadtnatur.de

Interessanter ist der Mensch schon eher für Aaskrähen, speziell Nebelkrähen (Corvus corone corvix). Schließlich finden sich in seiner Gegenwart hin und wieder Leckerbissen, achtlos weggeworfene Essensreste oder andere interessante Dinge, welche sich als Werkzeuge oder Spielzeuge nutzen lassen. Vielleicht sind es aber auch Stoff- oder Plastikteile mit denen sich das Nest, aus Zweigen hoch oben in den Baumwipfeln, neben Moos, Gras, Federn und Haaren weich auspolstern lässt.

Betrachtet man die Anzahl und das Zusammenwirken aller pflanzlicher und tierischer Lebewesen auf den Berliner Friedhöfen, lässt sich feststellen, dass es sich um bedeutsame naturnahe Lebensräume inmitten einer Großstadt handelt. Viele Individuen konnten sich relativ ungestört ansiedeln und entwickeln. Biozönosen, die Wechselbeziehung der Vertreter aller Lebensgemeinschaften, entstanden. Es ist dabei nicht außer Acht zu lassen, dass auch Menschen davon profitieren. Friedhöfe werden mittlerweile nicht nur als Trauerorte angesehen, sondern bewusst zur Erholung als eine Art grüne Oase oder Park aufgesucht. Umfragen ergaben, dass Menschen diese Ruheorte zum Durchatmen aufsuchen, die Natur genießen, spazieren gehen oder ihre MIttagspause dort verbringen. In Ermangelung von Natur, Grünflächen und Parks ist dies ein ganz normaler Umstand in Berlin.

Alter abwechslungsreicher Baumbestand eines Friedhofs © meine-kleine-stadtnatur.de

Alter abwechslungsreicher Baumbestand eines Friedhofs

Aufgrund der städtebaulichen Situation und zukünftiger Entwicklungsplanungen müssen einige Friedhöfe oder Friedhofsteile dem Bau von Wohn- und Geschäftsgebäuden weichen. So geschmacklos dieser Gedanke erscheint, so reell ist er leider. Nicht selten ist der monetäre Aufwand für die Kirchenverbände zu groß  und verwilderte alte Friedhofsteile werden veräußert, „umgenutzt“ und bebaut. Beispiele für die Bebauung sind Teile des Georgen-Parochial-Friedhofs III in Weißensee und II in Friedrichshain, Teile des St. Johannis- und Heiland-Friedhofs in Mitte sowie Teile des Friedhofs Steglitz. Für die zukünftige Stadtentwicklung bleibt zu hoffen, dass die Bedeutung der Friedhöfe und der Wert dieser als Naturareale im urbanen Raum wahrgenommen wird und ihnen als Rückzugsräume für Mensch und Natur eine besonders schützenswerte Rolle zufällt.